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Sitzenthal


Am steilen Osthang des Talkessels zieht sich das Dorf Sitzenthal hin. Der alte Hausbestand, der durch viele Ausbauten nur schwer erkennbar ist, setzt sich aus kleinen Häusern um eine schmale Dorfstraße zusammen. Der Ort hat durch die Eigenart seiner Bewohner die Gegend bis etwa in die fünfziger und sechziger Jahre unseres Jahrhunderts berühmt-berüchtigt und bekannt gemacht. 

Angeblich wurden zu Zeiten Maria Theresias hier in Sitzenthal entlassene Sträflinge ange- siedelt, die zur Resozialisierung irn Meierhof arbeiteten. Die Herrschaft hatte für sie Häuser errichtet, die sie an die Angestellten mit kleinen schmalen Ackerstücken, sogenannten Bifängen, als Teil der Entlohnung weitergaben. Einige unter ihnen begannen mit Hadernsammeln in der näheren und weiteren Umgebung. Von diesen ging das Herumwandern auch auf andere Berufe über. Sie mußten für die Tätigkeit des Hadernsammelns, Scherenschleifens, Regenschirmmachens und Hausierens auf  die übliche Weise ein Gewerbe anmelden und eine Konzession erwerben. Bei den ständigen Kontrollen durch die Gendarmerie wäre es kaum möglich gewesen, ohne Berechtigungsschein herumzufahren. Dem Wandergewerbe gingen an die zehn Familien nach, die übrigen Sitzenthaler waren im Meierhof angestellt oder hatten auch andere "ansässige" Berufe. Jahr für Jahr zogen die Fahrenden mit der gesamten Familie in ihren Wägen, manchmal auch mit kleinen Hundegespannen, im Frühjahr aus. Die Routen waren stets durch dieselben Ruheplätze vorgegeben. Von dort aus besuchten sie die umliegenden Gehöfte und boten ihre Waren und Dienste an. Die Kinder mußten sofort in der nächsten Schule angemeldet werden, weil in einem eigenen Buch der jeweilige Schulbesuch vom Oberlehrer bestätigt werden mußte. Nachmittags waren die Kinder ebenfalls zum Verdienen unterwegs. Man mußte auf der Tour soviel Geld verdienen, daß man den Winter überleben konnte. Die Pferde mußten im Herbst verkauft werden, weil man kein Futter für sie hatte, und daher war es notwendig, genügend Geld zum Kauf eines neuen Pferdegespanns im Frühjahr zu haben. Der schlechte Ruf der Sitzenthaler ist auf die nicht gerechtfertigte Gleichsetzung aller Fahrenden mit den von der Bevölkerung abgelehnten und gefürchteten Zigeunern zurückzuführen. Das Leben der Fahrenden spielte sich vor der Öffentlichkeit ab, außerdem waren Namen und Adressen bekannt, weil sie leicht sichtbar an den Wagen angebracht werden mußten. Dazu gab es auch  Außenseiter, die den Beruf der Wanderhändler in Verruf gebracht hatten. In schlechten Jahren konnte die Winterszeit oft nur mit viel Hunger und Frieren überstanden werden. Wenn dann einer krank wurde, griff die Krankheit meist epidemisch um sich. Die Sitzenthaler fielen daher oft der Gemeindefürsorge zur Last, außerdem legte man die Arbeitslosigkeit im Winter als Müßiggang und Arbeitsscheu aus. 


 
Unbestreitbar ist auch, daß es zu unzumutbaren Zuständen im Dorf gekommen war, die zu fürchterlichen Meldungen und Berichten über die Unmoral und Unzucht der Bevölkerung Anlaß gaben. Die Sitzenthaler fahrenden Familien waren schließlich zu Außenseitern geworden, die aber auch die Freiheit des Ungebundenseins genossen und nutzten. Sie waren ständigen Verdächtigungen ausgesetzt, wurden stets angestänkert und mußten sich oft gegen die Ablehnung handgreiflich zur Wehr setzen. Man kannte sie als die raschesten Messerzieher und gewandtesten Messerstecher des Landes, die ihren Ruf entsprechend zu verteidigen hatten. Andererseits bewunderte man sie als die hartnäckigsten Kämpfer gegen die ungeliebte, Obrigkeit. Dazu kam, daß sie sich in einer eigenen Sprache unterhalten konnten, dem jenischen, was den Eindruck des Fremden und die Unterscheidung vom übrigen Volk noch deutlicher machte. Das Jenische ist jedoch keine eigene Sprache, sondern hat nur - unter Verwendung der landesüblichen Sprache - an die 300 Worte in ein anderes Idiom übertragen. Diese Sprache gibt es übrigens nicht nur in Sitzenthal, sondern besteht noch heute in Tirol, in der Schweiz und in einigen Gebieten Deutschlands. Sie diente offenbar zur Verständigung der Fahrenden unterschiedlichster Nationen. Heute kennt man die früheren Zustände nur mehr aus Erzählungen. Eine arbeitsam Bevölkerung in allen möglichen Berufen hat sich schmucke Häuser gebaut. Viele sind zugezogen oder abgewandert, den gefürchteten Sitzenthaler gibt es nicht mehr. Und das Jenische mußte vor dem Aussterben der letzten Kenner dieser Sprache aufgenommen und in einem kleinen Büchlein festgehalten werden.

In Sitzenthal wurde im 16. Jahrhundert ein Schloß errichtet. Im 19. Jahrhundert wurde es durch den Besitzer Graf Ledochowska umgebaut und modernisiert. Im Moment befindet sich das Schloß im Privatbesitz und ist öffentlich nicht zugänglich. Das Schloß war seither Lehensbesitz des Stiftes Melk und gehörte dem 1619 geächteten Grafen Ludwig Starhemberg. Im 20. Jahrhundert kam Sitzenthal an die Freiherren Hammerstein-Equord.

Für Spaziergänger ist das Schloß jedenfalls sehenswert. Es wird auch als Pferdestallung benutzt und Kinder haben ihre Freude bei der Beobachtung der freilaufenden Pferde.